Bienen

Wildbienen «auf Abruf» bestäuben Obst- und Beeren-Kulturen

Wildbienen «auf Abruf» bietet ein junges Unternehmen den Schweizer Landwirten an. Die Wildbienen bestäuben ganze Obst- und Beeren-Kulturen. Über 100 Landwirte nutzen den Service von Wildbiene + Partner schon. 500’000 Wildbienen wurden bereits vermehrt und über 420 Mio. Obstblüten bestäubt, bilanziert der Biologe Claudio Sedivy den 2014 gegründeten Bestäubungsservice.

Die Zahl der Imker und Honigbienen-Völker in der Schweiz ist seit 1950 auf die Hälfte gesunken: Damals hielten 40’000 Schweizer Imker rund 350’000 Völker, heute pflegen 20’000 Schweizer Imker rund 160’000 Völker. Für diesen Verlust verantwortlich sind «importierte» Schädlingen wie die Varroamilbe, Brutkrankheiten und die moderne, intensive Landwirtschaft mit Monokulturen und Agrochemie.

Die Schweiz hat im Vergleich zu anderen europäischen Ländern noch eine hohe Honigbienen-Völkerdichte. Für die Obstbaugebiete in den Kantonen St.Gallen und Thurgau, für die Nordwestschweiz und das Wallis ist die Bienendichte aber zu gering. Insbesondere, wenn den Obstbauern wie im Frühling 2016 die Ernte im doppelten Sinne des Wortes mit Rekord-Niederschlägen ins Wasser fällt.

Einige Obstbauern überbrücken Bestäubungs-Engpässe mit importierten Hummel-Völkern. Ein Ersatz, der in ökologischer und ethischer Hinsicht fragwürdig ist: Die Hummeln werden aus den Benelux-Ländern mit der Paketpost in die Schweiz geschickt. Und sie müssen nach ihrem Bestäubungs-Einsatz sofort «entsorgt» werden, damit sie sich nicht mit den einheimischen Hummeln vermischen.

Wildbienen sind effizienter als Honigbienen

«Einheimische Mauerbienen sind eine nachhaltige und effiziente Alternative zu Import-Hummeln», erklärt der Biologe Claudio Sedivy von Wildbiene + Partner. Nachhaltig, weil die Gehörnte Mauerbiene (Osmia cornuta) und die rote Mauerbiene (Osmia bicornis) zu den 600 Schweizer Wildbienen-Arten gehören. Effizient, weil die Bestäubungsleistung eines nistenden Mauerbienen-Weibchens für Kern- und Steinobst jene einer Arbeiterin der Honigbiene um das 80- bis 300-fache übertrifft.

Die Honigbiene «klebt» nämlich den Pollen mit Nektar an ihre Hinterbeine, so dass nur wenig Pollen an die Blüten abgegeben wird. Die Mauerbiene dagegen trägt den trockenen Pollen an ihrer «Bauchbürste», so dass er leichter am klebrigen Blütenstempel hängen bleibt.

Die Mauerbiene lässt auch Massentrachten wie Löwenzahn, Raps oder Hahnenfuss links liegen, vor allem, wenn daneben Obstblüten locken. Und sie sammelt wegen ihrer kurzen Lebenszeit den Pollen nur in in einem Flugradius von maximal 300 Metern von ihrem Nest, in den Kirschen sogar nur 50 bis 100 Meter. «Somit ist das Risiko der Verbreitung von Pflanzenkrankheiten wie Feuerbrand in benachbarte Obstanlagen durch Mauerbienen sehr gering» betont Claudio Sedivy.

Nach Japan und den USA werden Wildbienen auch in der Schweiz eingesetzt


Der Unterschied ist frappant: Um eine Obst-Anlage von der Grösse einer Hektare vollständig zu bestäuben, sind je nach Kultur mindestens zwei Honigbienen-Völker mit total rund 50’000 Honigbienen nötig – aber nur drei bis fünf «BeeFarmer»-Niststände mit je 350 Kokons der Mauerbiene. In Japan und in zunehmendem Masse auch in den USA werden deshalb seit Jahren grossflächig Mauerbienen zur Bestäubung von Obst- und Mandelbäumen eingesetzt.

In der Schweiz sind Mauerbienen zum Beispiel bei der Lehmann Früchte AG in Bernhardzell (SG) im Einsatz. Der landwirtschaftliche Familienbetrieb produziert Beeren- und Steinobst hauptsächlich für Grossverteiler und kann keine Bestäubungs-Risiken eingehen. «Mauerbienen erhöhen die Bestäubungs-Sicherheit und gehören daher ganz klar in meine Kirsch-Anlagen», erklärt Rico Lehmann.

«Wir liefern unsere Mauerbienen an Obstbauern in der ganzen Schweiz», erklärt Claudio Sedivy. Auch in voll eingenetzten Anlagen zum Beispiel in den Kantonen St.Gallen und Thurgau werden die «BeeFarmer»-Niststände erfolgreich eingesetzt. «Und je ein Landwirt in den Kantonen Zug und Solothurn stellen unsere Mauerbienen auch im Raps auf.»

«Über 100 Schweizer Landwirte nutzen den Service von Wildbiene + Partner schon. 500’000 Wildbienen wurden bereits vermehrt und über 420 Mio. Obstblüten bestäubt», bilanziert Claudio Sedivy den 2014 in Zürich gegründeten Bestäubungsservice.

Vom Balkon in der Stadt in die Obstplantage


Ein Grossteil der eingesetzten Mauerbienen werden dank Wildbienen-Paten vermehrt. Diese kaufen ein sogenanntes «BeeHome» mit 25 Mauerbienen-Kokons für 120 Franken. Im Kaufpreis inbegriffen ist ein jährlicher «Austauschservice» der Mauerbienen (ausser dem Rücksende-Porto). Alleine in der Stadt Zürich stehen rund 900 «BeeHome» von Wildbiene + Partner, rund um den Zürichsee noch einmal rund 800 «BeeHome». In der Stadt Bern stehen rund 200 «BeeHome» und sogar in Appenzell Innerrhoden sind 33 «BeeHome» zu finden.

Die Wildbienen-Paten stellen ihr «BeeHome» auf den Balkon, auf die Dachterrasse oder in den Garten. Die Mauerbienen sind harmlos, sie stechen nicht und interessieren sich nicht für Essen oder Süssgetränke.

Durch eine Schublade mit Plexiglasdeckel können die Wildbienen-Paten die Entwicklung im «BeeHome» beobachten. Jeweils im Frühling schlüpfen die Mauerbienen, bestäuben die Pflanzen in ihrer Umgebung und vermehren sich im «BeeHome». Im Herbst senden die Wildbienen-Paten das «BeeHome» wieder an Wildbiene + Partner zurück.

Dort befreien flinke Hände die Kokons fachgerecht aus den Röhrchen und befreien sie von Parasiten. Nach der Reinigung wird das «BeeHome» bei Wildbiene + Partner fachgerecht überwintert. Im nächsten Frühjahr erhalten die Wildbienen-Paten wiederum 25 gesunde Mauerbienen-Kokons und der Kreislauf beginnt von neuem.

Die überschüssigen Kokons aus den «BeeHomes» werden von Wildbiene + Partner in einen grösseren «BeeFarmer»-Niststand eingesetzt. Im Frühjahr können Obstbauern exakt auf den Blühbeginn ihrer Obst- und Beerenanlagen hin einen «BeeFarmer»-Niststand mit 350 schlupfbereiten Mauerbienen bestellen. Einmal geschlüpft, leben die Mauerbienen vier Wochen, bestäuben die Blüten der Anlage und bauen ihre Nester in den Nistständen.

Im Herbst schickt auch der Landwirt den «BeeFarmer»-Niststand nach erfolgreicher Bestäubung an Wildbiene + Partner zurück. Dort befreien wieder flinke Hände die Kokons fachgerecht aus den Röhrchen und befreien sie von Parasiten. Im Frühling erhält der Obstbauer den gereinigten «BeeFarmer»-Niststand inklusive der schlupfbereiten Mauerbienen-Kokons auf seinen Wunschtermin zurück.

Der Wildbienen-Pate mit seinem «BeeHome» in der Stadt «subventioniert» also die Mauerbienen für den Landwirt. So kostet ein «BeeFarmer»-Niststand mit 350 schlupfbereiten Mauerbienen heute rund 200 Franken pro Jahr. Ein solcher Wildbienen-Stand ersetzt Hummelvölker aus den Beneluxländern, die teurer und wortwörtlich importierte «Wegwerfware» sind. Die Mauerbienen dagegen sind einheimisch, nachhaltig und effizient.

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Jürg Vollmer

Journalist für watson.ch, mellifera.ch und «die grüne».